Wie steht es um ihr Sprechtempo?

Wir Menschen leben in Rollen und Mustern. Auch unsere Stimme tut das. So sprechen wir zu unseren Kollegen anders, als zu unserem Kind oder zu unserer Partnerin. Vor einiger Zeit kam eine Klientin zu mir, die zu den schnell sprechenden Menschen zählt. Sie besaß eine weiche Stimme, die an manchen Stellen „abgehackt“ klang. Ihr Ziel war es, ihr Gegenüber mit ihrem schnellen Sprechen nicht zu überfordern. Immer wieder bekam sie Nachfragen von ihren Zuhörern, weil diese sie nicht verstanden. Die Frau sehnte sich nach mehr Freude und Leichtigkeit beim Sprechen - im aktuellen Zustand empfand sie es als anstrengend und für beide Seiten belastend. Doch woher kam ihr überhöhtes Sprechtempo, das ihr den Spaß am Kommunizieren nahm?

In einer Coachingeinheit löste sich der Knoten: Die Frau hat zwei ältere Geschwister und früher im Elternhaus hatte sie den Eindruck, als jüngstes Kind nicht soviel Anspruch auf verbale Kommunikation zu haben wie die restlichen Familienmitglieder. Sie fing also mit dem Schnellsprechen an, um den anderen „keine Zeit zu klauen“. Eine Methode, mit der sie scheinbar gut zurecht kam. Im Erwachsenenalter war dieses Sprechmuster (unterbewusst) bei ihr jedoch so antrainiert, dass es anfing ihr Probleme zu bereiten. Nach dieser intensiven Reflexion erreichte meine Klientin einen neuen Bewusstseins- und Wahrnehmungszustand. In den weiteren Coaching-Einheiten fielen Sätze wie „Ich kann mir beim Sprechen zum ersten Mal selbst zuhören“ oder „Umso mehr Pausen ich mache, umso mehr Lust habe ich zu Sprechen“. Meine Klientin war nun dabei, ein neues Sprechmuster zu entwickeln. Sie erlangte mehr Selbstvertrauen (denn sie lebte nicht mehr nach dem Glaubenssatz „Ich darf die Zeit von anderen Menschen nicht klauen“) und konnte endlich ihr volles Stimm-Potenzial ausschöpfen. 

 

Heute klingt ihre Stimme nicht mehr weich und abgehackt, sondern klar und ausdrucksstark. In Kommunikationssituationen spricht sie sehr bewusst, bleibt bei sich selbst und lässt sich nicht mehr durch ihre Zuhörer ins Schnellsprechen verleiten. Diese neue, bewusste Wahrnehmung ist für meine Klientin auch in anderen Lebensbereichen hilfreich. Dass ihr das „neue Sprechen“ Freude bereitet, zeigt sich durch ihre körperliche Präsenz: Sie geht entspannter, aufgerichteter durch Vorträge und nimmt dadurch viel mehr Raum ein als bisher. Die letzte Sitzung beendete sie mit folgendem Satz:  „Sich stimmig ausdrücken zu können ist einfach etwas Wertvolles.“ 

 

Wie steht es um ihr Sprechtempo? Gibt es Situationen, die Sie ins schnelle Sprechen verleiten? Ich freue mich, wenn Sie Ihre Erfahrungen hier im Blog teilen.

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